Höllen

Sorry, Leute. Liebend gerne würde ich ein wenig Optimismus verbreiten und gehe mir mit dem Gejammer schon selbst auf die Nerven. Aber seit Samstag ist mir immer weniger nach Optimismus. Die Erwartung alleine am Samstagabend einer bestimmten Person begegnen zu müssen hat gereicht, mich wieder völlig in die Abwärtsspirale zu ziehen. Hatte sich Ende vergangener Woche die Waage immer mehr zu der Seite geneigt, das neue anzunehmen, mich ihm zu stellen, mich dem Leben zu stellen, fühlt es sich seit Samstag mehr und mehr so an, dass ich nur noch zu entscheiden habe, in welcher Hölle ich leben will. Ich habe wieder den Fehler gemacht, perspektivisch zu denken. Dann muss ich mir eingestehen „Du bist 57, hast in Deinem Leben nichts erreicht, keine berufliche Perspektive, keine Familie und jetzt gehst Du auch noch einen Schritt zurück, gibst Deine politischen Ämter auf, gibst Deine Selbständigkeit auf, wirst mit noch weniger Geld leben müssen.“

Ich habe ja schon mehrfach geschrieben, dass ich mich auf dieser Station noch nie so unwohl gefühlt habe wie bei dieser Entgiftung. Sicher, das wird auch daran liegen, dass mein Kopf so voller Unrat ist, offene Fragen und keine Antworten. Sicher, es wird auch daran liegen, dass ich noch nie so lange hier war wie dieses Mal. Aber es liegt auch ein gutes Stück an der Stimmung auf der Station. Schwer zu beschreiben. Aggressiv, gleichzeitig passiv, sich abgrenzend, anspruchs-, erwartungsvoll, ohne die Bereitschaft, sich selbst zu bewegen. Offene Unzufriedenheit mit der Behandlung – ich bleibe dabei: wenn ich bedenke in welchen Löchern ich schon gesessen habe, dann ist das hier das Hilton. Ich verstehe die Stimmung nicht, sie belastet mich.  Ich will nur noch hier raus, weil seit einer Woche fühle ich mich nicht mehr nur unwohl, das Leben hier wird mehr und mehr zur Hölle. Es ist noch keine Woche her, dass ich Hannas Drucker angeschlossen habe – es fühlt sich an, als wäre ein Jahr vergangen. Um ehrlich zu sein: im Inneren habe ich darauf spekuliert, dass bei der Oberarzt-Visite gesagt wird: „Sie hatten gestern Null-Tag, sie können nach Hause gehen.“ Und ich wäre sofort gegangen, aber es wäre nicht gut gewesen.

Denn zu Hause lauert der Küchentisch, sprich die Hölle Alkohol. Morgen habe ich eine Chance, heute hätte ich sie nicht gehabt. Morgen Abend kommt Volker, es sind nur ein paar Stunden, die ich durchhalten muss. Das schaffe ich. Heute wäre ich nach Hause gekommen und der Teufel, der mir auf der Schulter sitzt, hätte mir eingeflüstert: „Trink ein paar Bier, um zur Ruhe zu kommen, um aus dem Druck rauszukommen und wenn morgen Abend dein Besuch kommt bist du wieder nüchtern und hast wieder aufgehört.“ Und die Erfahrung lehrt mich, dass ich dem Teufel mit ziemlicher Sicherheit nachgegeben hätte. Gegen alles besseres Wissen. Gegen allen Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Ich will nicht trinken. Ich will mich nicht noch weiter selbst zerstören, die letzten Reste meiner Selbstachtung verlieren, alle Freunde vergraulen, alle sozialen Beziehungen verlieren, mich zum Affen machen. Ich will mir nicht auch noch die letzten Reste Verstand versaufen. Warum ich es seit 35 Jahren doch immer wieder tue – worauf ich selbst kaum eine Antwort finde (nur eine kognitive, keine emotionale) – wer es nicht selbst kennt, wird es nie verstehen.

Bleibt als Alternative, die Hölle auszuhalten, die mal mein Zuhause war. Irgendwie dem Chaos Herr zu werden, den Berg wenigstens anzugehen, der sich aufgetürmt hat. Gestern schon mal „probeweise“ in Euskirchen gewesen, die gröbste Unordnung beseitigt. Mein Handy ist nicht aufgetaucht, nicht in der Wohnung und auch nicht an den Plätzen, wo ich glaubte, es verloren haben zu können. Das macht mir seltsamerweise momentan die größten Sorgen: um Bankgeschäfte erledigen zu können brauche ich das Handy, denn seit der Umstellung des TAN-Verfahrens muss ich Transaktionen auf dem Handy freigeben. Schon gestern war ich kurz davor, aufzugeben. Erst recht, als der Bus einfach nicht kam. Zehn Minuten zu früh an der richtigen Haltestelle, kein Aushang, dass der Bus irgendwie ausfiele, aber er kam einfach nicht. Fast hätte ich es als Gottesurteil gewertet, habe mich dann aber doch in ein Taxi gesetzt, um pünktlich zurück zu sein. (Ich hab’s ja so üppig.)

Drückt mir die Daumen, dass ich mich für die „richtige“ Hölle entscheide. Eine, mit der ich mir wenigstens nicht weiter selbst schade. Schwester Annie meinte heute Mittag „Dann fahren Sie nach Hause, erledigen, was zu erledigen ist, und rufen kurz an und kommen zurück.“ Ob ich das versprechen könne? Ich will gar nichts mehr versprechen nach den letzten beiden Monaten. Ich will aus dieser Hölle raus und nicht wieder schnellstmöglich rein. Also aushalten. Erstmal nur bis Morgen Abend. Dann bis Donnerstag, dann bis Montag. Und nicht immer daran denken, dass auch das betreute Wohnen in den letzten ein, zwei Jahren, die ich in Euenheim war, zur Hölle für mich geworden war. Denn sind diese äußeren Umstände wirklich meine Höllen oder ist es nicht eher so, dass ich die Hölle in mir drin mit mir rumschleppe, egal wo ich bin, und das bewusst jetzt seit mehr als 40, 45 Jahren? Wenn es ein guter Tag war, an dem ich abends vor dem Einschlafen nicht bei dem Gedanken landete „Das Beste wäre, einfach nicht mehr aufzuwachen.“ Jetzt sind diese Gedanken wieder ganz massiv. Einfach weg sein, nicht mehr denken, nicht mehr fühlen müssen. Und ich weiß, was das heißt. Wäre ich ein Mensch, der zum Suizid fähig ist, wäre ich keine 57 Jahre alt geworden. Nein, das heißt ich will mich weg machen, auf andere Art nicht mehr denken und fühlen müssen, aber auch das ist nur eine andere Art der Hölle, wie beschrieben.

Der kleine Junge sehnt sich danach, nach Hause zu Mama zu fahren. Mama macht ein Läppchen drum und alles wird gut. Ein paar Monate verkriechen, vor der bösen Welt flüchten. Aber auch das war nur immer eine Illusion. Eine Illusion, die inzwischen unmöglich geworden ist. Das erkläre ich jetzt nicht auch noch, der Text ist sowieso schon viel zu lang.

Erschöpfung macht sich breit, viel Kraft ist nicht mehr übriggeblieben. Also den letzten Rest zusammengekratzt und das hier bis morgen mit Contenance zu Ende bringen und dann durchhalten und wenn ich mir wirklich nur zum Ziel setze, bis morgen Abend durchzuhalten. Noch ist es nicht an der Zeit, den Nagel auf den Kopf zu treffen. (Ein Songtext, der mir heute Morgen plötzlich in den Sinn kam.)

 

 

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