Arsch huh, Zäng ussenander!

Es reicht! Gegen die widerliche Diskussion, die auf Facebook gegen Flüchtlinge im Allgemeinen und die Einrichtung einer Sammelunterkunft für Flüchtlinge im Besonderen los gebrochen ist möchte ich hier in aller Deutlichkeit meine Meinung ausdrücken:

  1. Als Vorsitzender des Sozialausschusses habe ich für die Einrichtung der Sammelunterkunft gestimmt und für den Umzug der KiTa Auenland für ein Jahr in ein Container-Provisorium . Die Entscheidung war gut und richtig.
  2. Als einer der meinungsführenden Sozialpolitiker in Euskirchen werde ich mich weiter mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einsetzen, dass wir als Stadt alles uns mögliche unternehmen, die uns zugewiesenen Menschen gut unterzubringen, angemessen zu betreuen und sie willkommen zu heißen
  3. Ich bin gegen jede Form von Kontigentierung der Flüchtlingsaufnahme. Dies schließt selbstverständlich nicht aus, dass eine EU-weite Regelung zur Verteilung der Menschen, denen die Flucht in die EU gelungen ist, anzustreben ist.
  4. Als Kommunalpolitiker bin ich ausdrücklich bereit, bei weiter steigenden Flüchtlingszahlen auch im Stadtgebiet noch mehr Menschen unterzubringen. Da es sich dabei aber um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt, fordere ich auch eine gesamtgesellschaftliche Finanzierung – sprich hier sehe ich den Bund und die EU in der Pflicht.

Wer bis hierhin durch gehalten hat, soll auch mit der dezidierten Erläuterung dieser, meiner Meinung belohnt werden wink

Ich wurde 1962 in eine gut bürgerliche Familie hinein geboren.Persönlich hatte ich alle Chancen dieser Welt, aber wenn man in den entscheidenden Momenten stets die entscheidenden Elfmeter verschießt, sollte man sich nicht wundern, wenn man irgendwann nicht mehr Bundesliga, sondern Bezirksliga spielt. Etwas weniger selbstkritisch kann ich auch sagen, dass eine tückische chronische Erkankung es verhindert hat, dass ich die mir gebotenen Chancen auch nutzen konnte. Das vorläufige Endergebnis ist, dass ich im Hartz4-Bezug gelandet bin. Auch wenn das alles andere als komfortabel ist: ich habe in meinem Leben noch keinen Hunger gelitten, ich habe ein sehr vernünftiges Dach über dem Kopf und wie mein kommunalpolitisches Engegement zeigt bin ich auch vom gesellschaftlichen Leben nicht ausgeschlossen. Gegen meine Erkrankung habe ich noch immer Hilfe gefunden, wenn ich bereit war, Hilfe anzunehmen und auch das Geistige kam nicht zu kurz.

So habe ich mich auch intensiv mit den 1000 Jahren zwischen 1933 bis 1945 auseinander gesetzt. Auch wenn ich hier keine Debatte über (Kollektiv)Schuld führen will, (diesen Diskurs sollen Berufenere führen), so sehe ich Deutschland doch aus dieser Geschichte heraus auf alle Zeiten in einer besonderen Verantwortung. Und ich empfehle allen, die heute unreflektiert die rechtspopulistischen Parolen nachbrüllen, sich ebenfalls einmal mit der Geschichte des Nationalsozialismus' zu befassen. Ich bin schon aus persönlichen Erleben heraus allergisch gegen alles, was aus dieser Richtung kommt: war doch die Gruppe, der ich nunmal angehöre, neben den Kommunisten und den Schwulen die erste, die in den Lagern verschwand. Ich habe es erlebt, wie sozial Deklassierte sich eine noch schwächere Gruppe zum drauf einschlagen suchten, und auch wenn es psychologisch vielleicht nach vollziehbar ist, so ist es doch unendlich dumm. Einmal blieb mir nur noch zu sagen: "Wenn Du lieber ins Arbeitslager als ins betreute Wohnen willst, dann wähl' weiter NPD." Gerade sozial schwache sollten sich dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft eine offene und hilfsbereite bleibt: sind wir doch selbst auf diese Hilfsbereitschaft der Gesellschaft angewiesen.

Und die Menschen, über die jetzt so lautstark und teils blödsinnig diskutiert wird, brauchen Hilfe. Und zwar existenzielle Hilfe – Hilfe zum ÜBERLEBEN. Es sind Menschen, die vor Hunger, Krieg, Vergewaltigung, Massakern, Folter, Extremismus und was sonst noch alles fliehen und die eines im Sinn haben: sie wollen leben! Menschen, die alles hinter sich lassen, wahnsinnige Gefahren auf sich nehmen, aus diesem einen Grund: sie wollen leben! 

"Komm mit uns – etwas besseres als den Tod finden wir überall" sagte der Hahn

Wer bin ich, dass ich entscheiden will, wer dieses bessere als den Tod finden darf? Bei all den Konferenzen, all dem Geschacher, den Überlegungen, wie die Flüchtlingsströme verhindert oder umgeleitet werden können fühle ich mich immer an die Konferenz von Évian erinnert. Schon damals wurde diese unsägliche "Das Boot ist voll"-Diskussion geführt, mit dem Ergebnis, dass den deutschen (und dann in den Kriegsjahren den europäischen) Juden die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Wer bis dahin nicht aus Deutschland geflohen war, hatte kaum noch eine Chance, heraus zu kommen. Es folgte die Eskalation der Judenverfolgung über die Prognomnacht über die Ghettoisierung bis zur Shoah. 

Und heute soll das Boot wieder voll sein? Sollen die Menschen in Afrika verhungern oder in Syrien sich vom IS massakrieren lassen?

Nicht mit mir!

So, nachdem ich das jetzt wohl in aller Deutlichkeit klar gemacht habe, bin ich auch gerne bereit, die Diskussion zu führen, wie wir die Menschen unterbringen, versorgen, integrieren können. Aber ich werde niemals, unter welchen Umstönden auch immer, einem anderem Menschen sein Recht zu leben absprechen.

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Ein Gedanke zu „Arsch huh, Zäng ussenander!“

  1. Hallo Mike,

    dein Artikel hat mich tief berührt und ich stimme Dir in allem voll und ganz zu. Ich wünsche Dir von Herzen viel Erfolg in Deiner Kommunalpolitik, dass sich Deine Ansichten durchsetzen und den Menschen, die zu uns kommen wirkungsvoll geholfen werden kann.

    LG Margret

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