Der verfluchte Küchentisch

Jetzt ist also das eingetreten, wovor ich mich immer gefürchtet habe. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich in 35 Jahren Suchtgeschichte in Krankenhäusern, Kliniken, Therapien war. Aber immer hatte ich den Drang, raus zu kommen, so schnell wie möglich raus zu kommen. Diesmal habe ich den Drang, so lange wie möglich hier zu bleiben, habe den letztmöglichen Termin (kommende Woche Dienstag) abgemacht. Und das, obwohl ich mich auf dieser Station noch nie so unwohl gefühlt habe wie dieses Mal. Ich habe schlicht Angst, „nach Hause“ zu kommen.

Und wieder einmal wurde mir das Thema mundgerecht serviert: Frau Dr. Müller sprach heute Morgen in der Info-Gruppe über Suchtdruck und in diesem Zusammenhang auch über die klassische Konditionierung nach Pawlow. Ich muss das alles ja gar nicht neu lernen, ich muss es nur erinnern. Und ich erinnerte mich an die Gruppenstunde in der Salus, als Hr. Weidekamp dieses Thema präsentierte und ich mich schon fast ein bisschen mit ihm darüber gestritten habe. Die Beispiele, die er brachte, trafen auf mich alle nicht zu und ich behauptete steif und fest, Rückfälligkeit sei für mich keine Frage der Konditionierung, sondern stets die bewusste Entscheidung, trinken zu wollen. Eine zerstörte Existenz später bin ich klüger: meine Glocke ist mein Küchentisch. Wenn ich in den vergangenen Monaten getrunken habe, dann habe ich nichts anderes mehr gemacht. Geregelt habe ich nur noch das Allernötigste. Ansonsten saß ich an meinem Küchentisch, das Radio oder der Fernseher liefen im Hintergrund, ab und zu habe ich was am Computer gespielt, aber vor allem habe ich gesessen und getrunken und die ganze Arbeit, die in dieser Wohnung noch rumliegt Arbeit sein lassen. Und heute Morgen fiel es mir dann wie die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen, wofür ich bis jetzt keine Antwort hatte (haben wollte?). Warum bin ich an diesem 3. März abends plötzlich aufgestanden, zum Kiosk gegangen und habe mir sechs Dosen Bier geholt? Es war nichts Besonderes vorgefallen, Karneval triggert mich bestimmt nicht an, und das da noch jede Menge Kühe auf dem Eis tanzen war mir ja schon lange bewusst. Es war dieses Setting: der Computer vor mir war an, auf ZDF-Info lief irgendwas und für mich war dieses Setting ohne die Bierdose neben dem Rechner, die mich die wartende Arbeit vergessen ließ unvollständig. Die Kurzschlussreaktion, der Selbstbetrug „nur heute“ und die Maschine der Selbstzerstörung war in Gang gesetzt. Und wenn ich in mich rein höre, identifiziere ich den einen Teil der Angst von Dienstag: ich sah mich regelrecht schon wieder an meinem Küchentisch sitzen und die Situation als unvollständig erlebend und wusste nicht, wie ich das eine Woche lang durchhalten will. Ich hätte Hrn. Weidekamp ernster nehmen sollen; jedenfalls ist es ein schlagkräftiges Argument dafür, tatsächlich die Wohnung zu wechseln.

Doch dann kommt der zweite Teil der Angst: die Angst vor der Veränderung. Auch hier muss ich nichts Neues lernen, sondern mich nur erinnern. Fritz Riemann, die Grundformen der Angst. Gleichzeitig Angst vor dem Verharren in der alten Situation UND der Veränderung der Situation zu haben, gut fühlt sich das nicht an. Nach Riemann sind es die diametralen Ängste der depressiven und der schizoiden Persönlichkeit. (Wie war das mit den Ambivalenzen?)

Und die anstehenden Veränderungen werden einschneidend sein, in jeder Hinsicht. Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll. Schon der nächste kleine Schritt macht Angst, am 9. beim CV anrufen um das weitere Vorgehen abzustimmen. Wenn du auf Ameisengröße geschrumpft bist werden Maulwurfshügel zu Gebirgen. Manchmal reibe ich mir selbst erstaunt die Augen, ob das wirklich noch der selbe Mensch ist, der noch vor gut zwei Monaten völlig souverän dem AGS vorgesessen hat und die Rückmeldung bekam „Man hat dir angemerkt, dass du dich gut erholt hast“.

Ich weiß nicht wie ich das alles stemmen soll. Die Hintertüren sind sperrangelweit offen, aber ich will sie nicht benutzen. Also muss ich mich der Veränderung stellen. Das bei dieser Hochleistungsmaschine das Getriebe völlig am Arsch ist, war klar. Jetzt ist auch noch der Tank fast völlig leergefahren. Bleibt die Hoffnung, dass ich bis Dienstag wenigstens genug Sprit reinkriege, um es mit der Karre wenigstens noch in die Werkstatt zu schaffen. Denn am Ende stehen die Bremer Stadtmusikanten. „Komm mit uns“, sagte der Hahn, „etwas besseres als den Tod finden wir überall.“

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