Laufwege

Jetzt laufe ich also wieder ziel- und planlos durch Zülpich. Immer die gleiche Runde, gestern gleich dreimal; einmal davon im strömenden Regen. Seit Oktober 2017 jede Veränderung registriert, den schleichenden Niedergang des Einkaufsstädtchens Zülpich, immer mehr Leerstände, immer mehr Läden die schließen (so ganz kann ich den Kommunalpolitiker, der auch einige Jahre im Planungsausschuss saß doch nicht vergessen.) Der Bau des Kindergartens in der Chlodwigstraße, beobachtet von der Baugrube bis jetzt im Betrieb. Voller Wehmut die Erinnerung an „meinen“ AGS, wo wir auch immer das Zeitdruckproblem hatten (haben), ausreichend Plätze zeitgerecht zur Verfügung stellen zu können. Die Diskussionen um Standorte, die Spannung zwischen Haushaltsverantwortung und optimal möglicher Sozialpolitik.

Ein ziemlich langer Einstieg, unprofessionell , den eigentlich geht es mir um etwas ganz anderes. Es ist dieses Laufen, diese Bewegung, um die es geht. Und an Tagen wie gestern war es mehr Flucht als sonst was. Ja, alle Fasern waren wieder auf Flucht gestellt und an der Haltestelle Münstertor, wo ich mich kurz vor dem Regen unterstellte, war ich kurz davor noch zehn Minuten länger zu warten und nach Hause zu fahren. Nicht nach Hause nach Euskirchen in meine Wohnung sondern gleich durch nach Jünkerath. Bei Volker den Schlüssel holen gehen und dann die Laufwege, die mich seit meiner Kindheit begleiten und die so vertraut sind auch nach Jahrzehnten, egal woher ich kam, egal, welches Päckchen ich mit mir rumschleppte. Den Kylldamm runter und dann schon von weitem unser Haus sehen und dann nach Hause kommen. Fast immer war ein Hund da; zuletzt Milou, der erstmal ausführlich gekrault werden wollte. Wie oft habe ich gedacht „wenigstens der Hund freut sich, wenn ich komme“, und doch ich bin nach Hause gekommen.

Manchmal denke ich, dass es schon seltsam ist, dass mir die Themen die mich gerade so beschäftigen, so frei Haus geliefert werden. Aber wahrscheinlich ist es eher so, dass ich einfach nur verschiedene Dinge besonders intensiv wahrnehme, weil sie mich gerade beschäftigen. Hier ist gerade für mich die Situation, dass ich nicht mehr weiß, wo ich mich lassen kann, weil mein neuer Zimmernachbar den Raum für sich reklamiert. Und erst gestern Abend, als die Nachtschwester mich fragte, wie es mir ginge, fiel mir auf, was mich an dieser neuen Situation so belastet, warum es mich so mitnimmt, warum ich mich nicht dagegen wehren kann.

Das Zuhause, nachdem ich mich jetzt so sehr sehne, war auch das Zuhause, wo nie ein Platz für mich war. Wo für mich das blieb, was übrig war. Besonders schlimm an den Feiertagen, wenn alle da waren. Besonders schlimm in den letzten Jahren, wo meine Mutter so krank war. Das war die Funktion meiner Wohnung in Euskirchen: das war meins, das hatte ich für mich alleine. Diese Wohnung war Abgrenzung. War ein verzweifeltes Wehren gegen die Formulierungen meiner Mutter „Wann kommst du nach Hause, komm doch nach Hause“ pp und der trotzige kleine Junge hat dagegen gesetzt „Euskirchen ist mein zu Hause“. Seit dem Tod meiner Mutter braucht es diese Funktion nicht mehr und die Wohnung ist nur noch eine Wohnung und in den letzten Monaten habe ich sie immer mehr verkommen lassen.

Und das ist meine Angst, jetzt wieder in eine WG zu ziehen. Keinen Raum zu haben und nichts mehr wohin ich fliehen kann. Und dann stoße ich schnell auf die grundsätzlichen Fragen. „Wo gehöre ich hin?“, „Wo ist mein Platz in diesem Leben?“, ja im Endeffekt „Warum bin ich auf dieser Welt?“. „Bist Du ein wertvoller Mensch und führst Du ein sinnvolles Leben?“. Fragen auf die ich keine Antwort habe. Da sind meine auf dem Eis Tango tanzenden Kühe nur Marginalien.

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