Resilienz

Wie geschrieben: manchmal habe ich den Eindruck, mir werden die Themen, die mich gerade besonders beschäftigen wie auf dem Silbertablett serviert. Gestern Morgen referierte die Stationsärztin in der medizinischen Info-Gruppe über Resilienz (psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen) und wie man sie stärken kann und hat dabei bei mir alle Tasten angeschlagen. Seit 35 Jahren arbeite ich mich jetzt an dem Knochen ab, baue mir in jahrelangen Abstinenzphasen Existenzen auf und dann bricht doch wieder meine Widerstandskraft in sich zusammen und ich ziehe die Karte „Gehe zurück auf Los“.

Wie wenig Resilienz ich im Moment besitze durfte ich dann im Laufe des Tages erfahren. Da war zum einen das Warten auf Rückmeldung vom Caritas-Verband wegen des betreuten Wohnens. Als die Antwort dann endlich kam, war sie ernüchternd: Vorstellungsgespräch erst am 9. Mai.

Zum anderen ein kleines technisches Problem mit großen Auswirkungen: ich habe bei einer Bekannten einen neuen Drucker installiert und dabei übersehen, dass der alte auch als Fax-Gerät diente und vergessen, das Kabel aus dem Splitter zu ziehen. Folge war, dass das Telefon nicht mehr funktionierte. (technische Details erspare ich mir, wer Ahnung hat wird die Problematik kennen für alle anderen ist sie irrelevant).

Beides zusammen hat dazu geführt, dass ich kurz vor der Panik war. Entlassungstag wäre eigentlich morgen gewesen, das hätte bedeutet, eine ganze Woche zu Hause zwischen meinen Kühen auf dem Eis rumschlittern – das hätte ich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht überstanden.

Glücklicherweise hat mich ein intensives Gespräch mit Sr. Jenny aufgefangen. Das Angebot, doch noch ein paar Tage länger hier zu bleiben. Ich habe mich darauf eingelassen – auch das eine Vernunftentscheidung. Es ist nicht so, dass ich mich hier wohl fühlen würde, aber ich bin in Sicherheit.

Heute Morgen dann für beide Probleme Lösungen. Hanna hat das überflüssige Kabel rausgezogen und schon ging das Telefon wieder. Und die Bestätigung, dass ich mich auf Entlassung Anfang nächster Woche einstellen könne – zwei, drei Tage mit einem Ziel vor Augen – die traue ich mir zu, auch wenn es trotzdem noch hart wird.

Wobei ich wieder bei der grundsätzlichen Frage wäre, wie sinnvoll es ist, das alles so offen zu bloggen, weil diesen Blog auch Menschen lesen, die mir nicht wohlgesonnen sind, wie meine Schwester so treffend bemerkte. Ich bleibe bei meiner Entscheidung a) weil es mir gut tut b) weil ich mich lang genug verstellt, angepasst, verbogen habe und am Wichtigsten c) mögen mich manche für ein versoffenes, verkommenes Schwein halten – ich habe die Hoffnung, dass sie wenigstens eingestehen, dass dahinter trotz allem ein denkender, fühlender, empathischer Mensch steht. So wie die Menschen, mit denen ich hier temporär zusammenlebe, denkende und fühlende Menschen sind. Ich muss hier niemanden lieben, nicht jeden mögen, ja mir geht so mancher tierisch auf den Senkel, aber das Mensch-Sein werde ich nie jemanden absprechen. Wie oft habe ich innerlich gekocht, wenn im AGS über Menschen wie mich wie über Objekte, über Sachprobleme gesprochen wurde.

Wenn ich trinke bin ich kein angenehmer Mensch. Ich trete meine Werte und moralischen Vorstellungen mit Füßen, ich missbrauche Freundschaften, ich enttäusche und versage, alles nur noch mit dem Ziel an Stoff zu kommen. Dafür schäme ich mich, ja ich leide darunter. Spaß macht das keinen. Ich höre förmlich die Frage „Warum tust Du es dann“ – wer die Krankheit nicht selbst erlebt hat wird darauf nie eine Antwort bekommen.

Und doch gilt auch für mich Art. 1 GG „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Diese Würde kann mir niemand nehme – niemand außer mir selbst. Wenn ich mich im Suff zum Affen mache.

Eine Würde die auch einem Harald Juhnke, einem Robin Williams, einer Whitney Houston niemand nehmen konnte. Letztere hat darüber ein großartiges Lied veröffentlicht, ein Popliedchen mit einem Text, der mal gelesen werden darf: https://www.songtexte.com/uebersetzung/whitney-houston/greatest-love-of-all-deutsch-43d6b77b.html

https://www.google.de/search?biw=1366&bih=576&ei=wY7JXPrUKI2SsAfIlLHQAQ&q=the+greatest+love+of+all+lyrics&oq=greatest+love+of+all&gs_l=psy-ab.1.1.0i71l8.0.0..10482…0.0..0.0.0…….0……gws-wiz.UT0yogdLQVU

„Learning to love yourself
It is the greatest love of all“

Das kann ich nur selbst lernen, wie mir auch Sr. Jenny gestern noch einmal klar machte. Aber noch habe ich nicht aufgegeben. Solange man schnaufen kann, muss man kämpfen!” (Hermann Müller)

PS Auf dem Debüt-Album von Whitney Houston, auf dem auch „Greatest love“ drauf ist, steht auf der Cover-Rückseite der Gelassenheitsspruch…

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